Felix Hübner
Veröffentlicht am in Apps, Design

Dickes B – oder: Warum Authentizität irgendwie langweilig ist

Das Teilen von kleinen kurzen Videos mit der ganzen Welt ist ja zurzeit extrem en vogue, wie man an Snapchat, Periscope und Konsorten sehen kann.
Da liegt es nahe, dass Casey Neistat, der durch seine Kurzfilme auf YouTube bekannt wurde, auf den Videosharing-Zug aufspringt.
Seit nunmehr 4 Monaten postet er täglich ein kurzes Videotagebuch (oder wie die coolen Kids sagen: Vlog) und stellte vor kurzem an eben dieser Stelle vor, an was er und sein Team gearbeitet hatte.
Das Resultat ist die App „Beme“, die bereits im App Store runterzuladen ist, die jedoch, um die Server zu schonen und das Netzwerk langsam aufzubauen, nur mit einem speziellen Freischaltcode zu verwenden ist.

Ich hatte Glück und konnte bei Twitter einen der heiß begehrten Codes ergattern und habe mir die App mit dem dicken Grünen B mal angekuckt.

Beme macht im Großen und Ganzen nichts anderes als ein Vier-Sekunden-Video aufzunehmen und es mit der Welt zu teilen. Dazu kommt ein normales Followerprinzip wie von Twitter bekannt.
So einfach, so unkreativ.
Beme wäre nur nicht Beme wenn Casey Neistat sich nicht einen Kniff ausgedacht hätte. „No preview, no review!“ – erklärt er es im Vorstellungsvideo – man sieht weder was man aufnimmt, noch kann man es im Nachhinein nochmal betrachten.
Deshalb gibt  es auch keinen Record Button, denn die Aufnahme wird über den Näherungssensor gestartet. Man hält das Telefon zum Beispiel einfach an die Brust oder hält den Finger über den Sensor, hört einen Ton erklingen und 4 Sekunden später einen weiteren. Danach wird das Video sofort gepostet.
Dies hat den genialen Vorteil, dass man nicht auf das Display starren muss, sondern den Moment den man mit seinen Followern teilen möchte weiterhin direkt erlebt. Zudem ermöglicht der Verzicht auf die Replayfunktion keinerlei Einfluss auf das Video und somit einen ungefilterten Blick in das Leben von Anderen. Gerade das war es, das Casey Neistat an den anderen sozialen Plattformen vermisste, eine echte, digitale, virtuelle Version von uns Selbst – keine kuratierte, mit Filtern beschönigte.

Leider ist meiner Meinung nach genau dies Fluch und Segen zugleich. Keine Frage, das Aufnehmen der Videos ist tatsächlich super einfach und intuitiv. Es macht irrsinnig Spaß mit der Mechanik der Aufnahme herumzuexperimentieren und sich neue Möglichkeiten die Aufnahme zu starten auszudenken. Die App an sich ist auch klar und strukturiert aufgebaut, da sie eigentlich nur aus einem Screen besteht, der die „bemes“ der Personen zeigt denen ich folge. Eine Liste mit Namen, drücken und draufbleiben zeigt mir die Videos, wenn ich ein Video fertig gekuckt habe verschwindet es automatisch.

Beme Screens

Beme Homescreen mit ungesehenen „Bemes“ | „No Review“ und man erhält solche Videos.

Jedoch erwischte ich mich dabei, die App nach anfänglicher Begeisterung, doch kaum zu öffnen, was glaube ich an folgenden Punkten liegt:

1. Beme ist neu

Die App ist gerade einmal ein paar Wochen auf dem Markt und somit liegt es auf der Hand, dass die Nutzerzahlen erst in den Tausenden liegen und die Nutzer vorwiegend aus dem amerikanischen Raum kommen. Das hat den Nachteil, dass man kaum Freunde oder Bekannte auf Beme findet und man somit an deren Leben schonmal nicht teilnehmen kann. Bleibt einem also nur andere User zu finden, doch Profile, in denen man sich ein Bild machen kann, wer diese Person ist, und ob es sich eventuell lohnt ihr zu folgen, sucht man vergebens. So habe ich bis jetzt nur Nutzer über Youtube oder Twitter gefunden. Oder über die Beme interne Vorschlagsfunktion, die mir sogenannte „far-away strangers“ anbietet, doch hier bleibt mir meist nur ein einziges Beme (also vier Sekunden Video!) zur Entscheidung, ob ich der Person folge oder nicht.

2. Beme ist radikal

Wie bereits erwähnt macht es einen Heidenspaß mit der Aufnahmefunktion herumzuspielen, doch leider fehlt mir persönlich die Vorschau des gefilmten Videos. Ich will schließlich wissen wo ungefähr die Kamera hinzeigt um zumindest grob das Bild zu komponieren oder wenigstens kontrollieren zu können, dass der Horizont gerade ist. Nennt mich kleinlich, aber viele der Videos, die man auf Beme sieht, zeigen mir Aufnahmen, in denen das Bild so schief ist, dass einem schlecht werden könnte oder sprechende Oberkörper, weil leider die Köpfe abgeschnitten sind.

3. Beme ist echt

Das größte Problem, das beme allerdings hat, ist die tief im Appkonzept verwurzelte Idee der Echtheit, des Ungefilterten. Denn um ehrlich zu sein ist das meiste was man sich von anderen Nutzern ansehen kann einfach nur langweilig, da leider der Großteil der Nutzer nicht zur Berufsgruppe der Stuntman, Löwendompteure etc. gehört. Natürlich sieht man hie und da nette kleine Momente, interessante Aktivitäten oder witzige Erlebnisse, aber wenn man sich für diese kleinen Sahnestücke durch mehrere Zentner trockenes Brot beißen muss , bleibt die Frage ob dies unsere schon geringe Aufmerksamkeitsspanne wert ist?

Ich erhalte zwar einen ungefilterten Blick auf das Leben von Anderen, ich persönlich bleibe da dann aber lieber beim kuratierten Blick auf gefilterte, geposte Momente, denn die sind meist auf den Punkt, sehr viel interessanter und oftmals kann man darin besser erkennen welche Personen man vor sich hat.

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