Anja Stork
Veröffentlicht am in Apps, Mobile, User Experience

Eis App – Das Experiment oder Führt die Einbindung von Nutzern zu besseren Ergebnissen?

Die Idee

Wir bei coeno beschäftigen uns schon seit einiger Zeit mit den Methoden des Usability Engeneerings und sind vom Vorgehen, mit Hilfe von Kontextinterviews die Erfahrungen des Nutzers zu erfragen und daraus Erfordernisse und Nutzungsanforderungen abzuleiten, überzeugt. Somit wird der Nutzer strukturiert in den Anforderungesprozess involviert. In einigen Projekten u.a. für Kabel Deutschland und Xvid Solutions haben wir bereits auf diese Weise erfolgreich gearbeitet …
und dennoch wird der Nutzer „aus Zeitgründen“ oft nicht gefragt oder das Produktmanagement gibt das Feature-Set direkt vor.

Wir haben uns vorgenommen die beiden Methoden genauer unter die Lupe zu nehmen und kurzerhand ein kleines Projekt in zwei Teams durchgeführt. Ziel des Projektes ist es ein Konzept für eine mobile App zu entwickeln, die den Verkauf von Eis aus einer  Piaggio Ape unterstützt bzw. für den Nutzer attraktiv macht. „Team # PM“ arbeitet mit einem Produktmanager zusammen und entwickelt das Konzept anhand einer umfassenden Featureliste.  „Team # Nutzer“ arbeitet nach der reinen Lehre des Usability Engineerings, wie am Fraunhofer Institut vermittelt.

Das Vorgehen

Zu Beginn entwickelt das „Team # PM“ eine Scopematrix. Diese beinhaltet die gemeinsam mit dem Produktmanagement zusammengetragenen Anforderungen sowie deren Bewertung und Priorisierung. In der zweiten Woche entwickelt das Team die Leitidee und Interaktionsparadigma. Aus diesen wurde dann das Grobkonzept mit den Kernansichten und -abläufen abgeleitet und mit Hilfe von Wireframes visualisiert. Das Team hat sich entschieden, verschiedene Grobkonzeptversionen zu erarbeiten und dann abzuwägen, wie die mobile App im Detail ausgestaltet werden soll. Die verschiedenen Konzeptansätze wurden in einem gemeinsamen Workshop zusammengeführt.

Eis App - Projektverlauf

„Team # Nutzer“ startet mit Kontextinterviews, für die sechs relevante Nutzer – Personen, die gerne Eis essen – ausgewählt wurden. In der zweiten Woche wurden die  Interviews in Kontextszenarios, ein in einfacher Sprache formulierter Aufsatz, aufgeschrieben. Die Szenarios sind die Grundlage für die Ableitung von Erfordernissen („implied needs“). „Ein Erfordernis ist eine notwendige Voraussetzung, die es ermöglicht, den Zweck in einem Sachverhalt (Kontext) effizient zu erfüllen.“ [DAkkS Deutsche Akkreditierungsstelle GmbH (2010):  „Leitfaden Usability Version 1.3″. URL: http://www.dakks.de [18.10.2013].

Basierend auf den Erfordernissen wurden die Nutzungsanforderungen abgeleitet, aus denen die konkreten Anforderungen an die mobile App hervorgehen. Ergebnis waren 66 Erfordernisse und daraus abgeleitet 148 Nutzungsanforderungen. Diese wurden mittels eines einfachen Aufgabenmodells in einem längeren Workshop Kernaufgaben und Teilaufgaben zugeordnet. So erhält man eine strukturierte Liste, die die Feature für die für die mobile App beschreibt. Die Ideen für Interaktionsparadigma und Konzept entstanden im  „Team # Nutzer“ sehr schnell, da sich alle bereits sehr intensiv mit den Nutzern und wichtigen Funktionalitäten auseinandergesetzt hatten.

Eis App - Projektverlauf User Engineering Prozess
Nach drei Wochen waren beide Teams soweit, dass wir uns die Konzepte gegenseitig vorstellen konnten.

Das Ergebnis 

Stellt man die Ergebnisse gegenüber, wird deutlich, dass beide Teams bei der Definition der Hauptfeatures „Ortung“ und „Sortiment“ übereinstimmen. Allerdings zeigt eine nähere Betrachtung im Detail eine Reihe von deutlichen Unterschieden.

Ortung/Navigation: In beiden Teams war klar, dass der Kunde den Standort der Piaggio Ape kennen muss und auch eine – zumindest gedankliche – Verknüpfung zu seinem eigenen Standort herstellt. Die Navigation zur Piaggio Ape ausgehend vom Nutzerstandort wird in beiden Teams vorgesehen, ist aber im „Team # Nutzer“ klar höher priorisiert.

Sortiment: Über die Notwendigkeit der Anzeige der Eissorten sowie über weitere Informationen wie Zusatzstoffe, Infos zur Herstellung und Zutaten, sind sich die Teams einig. Zusätzlich wünschen sich die Nutzer eine genaue Auszeichnung von neuen Sorten und besonderen Geschmacksrichtungen. Diese Angaben stehen somit bei „Team # Nutzer“ stärker im Fokus. „Team # PM“ plant noch weitere Features wie „Eis des Tages“ und „Voting zu zukünftigen Eissorten“ – hier wird sich zeigen, ob die Nutzer diese annehmen.

Nutzerbewertungen: „Team # PM“ plant allgemeine Nutzerbewertungen von Eissorten. Aus den Nutzerbefragungen hat sich ergeben, dass eine Information über die beliebtesten Eissorten völlig ausreichend ist.

Alarm: Beide Teams sehen eine Alarm-Funktion vor. Interessant ist, dass durch die Nutzerbefragung, neben der Notwendigkeit des Features „Alarm“, wenn die Piaggio Ape in der Nähe ist, weitere interessante  Erinnerungen, wie z.B. temperaturabhängiger Alarm und Alarm, wenn das Lieblingseis verfügbar ist, abgeleitet werden konnten.

Social: Die Verknüpfung mit Social Media Netzwerken ist für „Team # PM“ ein Pflichtfeature, ob der Anwender das braucht wissen wir nicht – aus den Kontextinterviews von „Team # Nutzer“ ist es im Zusammenhang mit dem Thema Eis essen nur einmal genannt worden.

Redaktionelle Inhalte: Rund ums Thema „Eis essen“ gibt es noch viele Details, die aus den Kontextinterviews abgeleitet werden konnten, wie z. B.erkennen können, was sich hinter einer außergewöhnlichen Geschmacksrichtung verbirgt, welche Arten von Verpackungen zur Verfügung stehen, was eine besondere Geschmacksrichtung auszeichnet oder ob das Eis optimal gelagert/transportiert wurde.

Design: Darüber hinaus haben Erkenntnisse aus den Kontextinterviews auch einen Einfluss auf die konkrete Ausgestaltung der Applikation. So hat sich „Team # Nutzer“ z. B. für eine Farbwelt entschieden, die den Nutzer in Sommerstimmung bringt und an Sonne und Hitze erinnert. Im Gegensatz zum „Team # PM“, das sich eher an dem Charakter der Piaggio Ape erinnert und auf Retroelemente und Pastelltöne setzt.

Eis App - Designvergleich

 

Es ist auf jeden Fall klar geworden, dass die Einbindung des Nutzers zu vielen Informationen und  Erkenntnissen führt, die positiven Einfluss auf das Ergebnis haben. Somit lassen sich neben objektiven Erkenntnissen hinsichtlich der Nutzerbedürfnisse auch wichtige Erkenntnisse bezogen auf die emotionale Ebene ableiten. Auch hat der Konzepter eine sehr viel ausführlichere inhaltliche Basis, um Feature abzuleiten und auf Grund der Nennung auch bessere Argumente für Ihre Priorisierung. Daneben hat das Ergebnis zu Rückschlüssen auf das Businessmodell geführt. Team # Nutzer lässt die Piaggio Ape nun immer im gleichen Stadtbezirk fahren, da „Eis essen“ ein spontanes Bedürfnis ist, welches der Nutzer nicht von Fahrplänen und Routen abhängig macht.

Zusammenfassend war es ein sehr spannendes Experiment, bei dem das gesamte coeno Team sehr viel lernen konnte. Wir werden uns weiter mit dem Thema befassen und arbeiten daran, dass der Nutzer immer mehr in unseren Projekten zu Wort kommt.

Für uns ist klar – Die Einbindung des Nutzers führt zu einem besseren Ergebnis und hat viel Einfluss auf die Gestaltung einer positiven User Experience!

Danke an alle Beteiligten!

al

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4 Kommentare zu “Eis App – Das Experiment oder Führt die Einbindung von Nutzern zu besseren Ergebnissen?

  1. Interessant und aufschlussreich! Danke.

    Aber ist Euch aufgefallen, was hier total fehlt?

    Nämlich alles das, was das Sortiment, das konkrete Produkt der Eisverkäuferin / des Eisverkäufers angeht. Ihr habt Euch zu sehr auf die Distribution und die Werbung konzentriert.

    Zum Beispiel zuerst mal die Frage danach, ob in der Ape ein Fertig-Produkt aus einer Kühltruhe heraus verkauft wird, oder ein Soft-Eis. Die Erkenntnisse sind vielleicht banal, aber aufschlussreich – ich wette, dass der Verkauf von Fertig-Eis-Produkten in beiden Teams floppen wird, aber echtes Soft-Eis, aus der Soft-Eis-Maschine ein Renner werden könnte (denn Fertig-Eis kaufen die potentiellen Kunden im Supermarkt und lagern es im eigenen Tiefkühlfach, aber „Softeis“ hat sein gewisses Alleinstellungsmerkmal und damit seinen Mehrwert).

    Und dann sind die „Produktentwickler“ gefragt, die es schaffen eine Softeis-Maschine in die Ape einzubauen, und noch Platz für alle Zutaten zu schaffen.

    Da etwa befindet sich dann wohl die Schnittmenge zwischen der Theorie des Experimentes und der Realität 😉

    • Hallo Robert,
      da hast du sicher Recht – das konkrete Produkt, also welches Eis in der Ape verkauft wird, ist sicherlich wichtig für den Erfolg des gesamten Projektes. Welches Eis die Nutzer in welcher Situation bevorzugen kam auch in den Nutzerbefragungen raus. Deshalb haben wir entschieden fantasievolle Sorten anzubieten und keine Fertigprodukte, die die meisten bereits in Ihrer Tiefkühltruhe haben. Softeis mit verschiedenen Toppins wär sicherlich auch ein Option gewesen.

      Wie die Ape selbst die Anforderungen an eine mobile Eisdiele erfüllt, ist auch ein spannedes Feld. Hier ist Erfindertum und technischen Know-how gefragt. Ein sicherlich spannendes Thema, was wir an dieser Stelle ausgeklammert haben.

      Vielen lieben Dank für dein Feedback.

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