Anja Stork
Veröffentlicht am in Konzeption, Kreativmethoden, Usability, User Experience

Mit Rapid Contextual Design zu strukturierten Anforderungen

Auf meiner Suche nach methodischen Ansätzen um gute User-Interfaces zu entwickeln, wurde mir das Buch „Rapid Contextual Design – A How-to Guide to Key Techniques for User-Centred Design“ empfohlen. Hierbei handelt es sich um eine sehr gute und praxistaugliche Beschreibung, wie auf Basis von Kontext-Interviews Nutzeranforderungen erhoben und mit Hilfe verschiedener Workshops strukturiert aufbereitet werden können, um schließlich neue Lösungsansätze zu entwickeln. In diesem Artikel gebe ich einen kurzen Überblick zu den einzelnen Schritten dieses Prozesses. Welche Erfahrungen wir bei der Anwendung vom RCD-Prozess bereits gemacht haben, könnt ihr hier nachlesen.

Rapid Contextual Design Process Überblick

 

Kontext-Interview

Der RCD-Prozess startet mit der Befragung von Benutzern in Form von Kontext-Interviews. Für ein erfolgreiches Kontext-Interview ist es wichtig, die Benutzergruppen genau zu definieren, denn diese bilden die Basis für die im RCD-Prozess ermittelten Ergebnisse. Definiert wird eine Benutzergruppe auf Grund ihrer Erfahrungen mit der Aufgabe und ihrer Affinität zum geforderten technischen Set. Pro Benutzergruppe sollten 4-5 Benutzer befragt werden. Zur Vorbereitung des Interviews ist es wichtig auf Basis der zu untersuchenden Aufgabe einen Interviewleitfaden zu erstellen. Dieser gibt dann Orientierung bei der Durchführung der Kontext-Interviews. Das Interview selbst sollte nicht länger als 2 Stunden dauern und am besten direkt in der Situation erfolgen, wo der Benutzer typischerweise die geforderte Aufgabe erfüllt. Dadurch bekommt man einen besseren Eindruck vom reellen Umfeld und möglichen Unterbrechungen bzw. anderweitigen Herausforderungen, denen sich der Benutzer stellen muss. Während der Durchführung ist es wichtig, dass der Interviewer genau versteht, was der Benutzer tut und warum etwas passiert. Ein Tipp, der sich sehr bewährt hat, ist hin und wieder das gesehene und gehörte kurz zusammenzufassen. So kann man die eigenen Interpretationen direkt überprüfen. Wichtig ist auch, dass man immer darauf achtet, dass die Kernfragestellungen im Zentrum des Interviews stehen. Im Idealfall werden die Interviews so geplant, dass zwischendurch bereits erste Interpretation-Sessions stattfinden. So kann man auf Erkenntnisse oder offene Fragen in den folgenden Interviews noch einmal genauer eingehen.

 

Interpretation-Session

In der nun folgenden Interpretation-Session erzählt der Interviewer dem Team vom durchgeführten Kontext-Interview anhand seiner Notizen. Dafür geht er diese Schritt für Schritt durch, fasst nichts zusammen und lässt nichts weg. Die wichtigsten Aussagen werden in verständlichen Sätzen auf einzelnen Zetteln notiert, den sogenannten Affinity-Notes. Tipp: Zwischen Interview und Interpretation-Session sollten nie mehr als 2 Tage liegen. Während der Auswertung ist der Interviewer nicht passiv: Er diskutiert, bietet Interpretationen und Designideen an. Des Weiteren prüft er die Notizen auf Richtigkeit, um so die Qualität zu sichern.

 

Affinity-Diagram

Die aus den Interviews generierten Anforderungen werden in einer gemeinsamen Affinity-Diagraming-Session strukturiert und schrittweise verallgemeinert. Hierbei werden Affinity-Notes aus der Interpretation-Session gemeinsam gruppiert und sortiert.Da die Teilnehmer auch Personen sein können, die die Interviews nicht durchgeführt oder interpretiert haben, werden zu Beginn alle gemeinsam gebrieft und über das Ziel der Session informiert. Um möglichst gute Ergebnisse zu erzielen, sollte das Team, das die Affinity-Diagraming-Session durchführt, interdisziplinär aufgestellt sein. Jeder Teilnehmer kann selbständig entscheiden, welchen Gruppen er seine Notes zuordnet. Auch ist es erlaubt, Zuordnungen anderer Teilnehmer zu verändern. Die Dynamik, die im Team entsteht, sorgt dann automatisch für sinnhafte Gruppierungen.

Affinity-Diagramm Beispiel

Für die nun entstandenen Affinity-Note-Gruppen werden die Einzelaussagen durch treffende Überschriften beschrieben und verallgemeinert. So werden die wichtigsten Kernaussagen schneller erfassbar und die Affinity-Wand wird Schritt für Schritt übersichtlicher. Wichtig ist es, dass Überschriften gefunden werden, die genau das wiedergeben, was die Notes darunter aussagen. Ziel ist es, dass man die Notes darunter nicht mehr lesen muss, wenn man wissen will, für welche Kernaussage in einzelne Gruppe steht. Durch Wiederholung der Gruppierungen werden die wichtigsten Nutzeranforderungen herausgearbeitet, welche es erleichtern, die Themen zu erfassen und kreative Ideen zu entwickeln.

 

Affinity-Walk

Beim Affinity-Walk studiert jeder Teilnehmer das Ergebnis der Affinity-Diagramming-Session für sich. Sollte der Kunde bisher noch nicht involviert wurden sein, wäre dieser Termin eine gute Gelegenheit. Beim Lesen werden mögliche Lücken markiert, Designideen direkt festgehalten und Fragen notiert. In einer abschließenden Diskussion erfolgt dann die Herausarbeitung der wichtigsten Nutzeranforderungen (Key Issues) und besten Ideen (Hot Ideas). Diese bilden nun die Basis für den nachfolgenden Visioning-Workshop.

 

Visioning-Workshop

Beim Visioning-Workshop geht es darum eine Lösung zu entwickeln, die das Produkterlebnis steigert, indem die tatsächlichen Anforderungen der Benutzer an die Aufgabe erfüllt werden. Methodisch handelt es sich beim Visioning-Workshop um Brainstorming kombiniert mit Story-Telling: Die Teilnehmer erzählen gemeinsam, wie das Leben des Nutzers mit neuen Technologien aussehen könnte. Dabei steht eben nicht im Vordergrund Features auszuarbeiten, sondern vielmehr, die neuen Lebensabläufe zu beschreiben. Die Ideen werden in einem Vision-Poster visualisiert.

 

Storyboard

Jetzt geht es zurück ins Detail. Mit Hilfe eines Storyboards werden die einzelnen Schritte wie Interaktion mit dem User-Interface, die Reaktion des Systems und Business-Rules in einzelnen Hand-Skizzen und Beschreibungen festgehalten. Hier sollte darauf geachtet werden, dass alle Schritte einzeln abgebildet werden.

Storyboard Beispiel

Die dann im Storyboarding visualisierten Detail-Schritte schaffen eine super Grundlage, um Wireframes zu erstellen. Diese sollten dann mit den Benutzern getestet und iterativ weiterentwickelt werden.

as

Danke an Josef für die Inspiration zu diesem Thema.

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