Ralf Kienzler
Veröffentlicht am in Apps, Design, Mobile

Wie Periscope den Journalismus verändern kann

Die Foto-App Snapchat erfreut sich derzeit vor allem bei jungem Publikum großer Beliebtheit. Das Besondere an Snapchat ist, dass sich Bilder, die man damit an Freunde sendet, nach Betrachtung unmittelbar löschen. So entstehen kurze Momentaufnahmen, die nur in der Erinnerung der Personen bleiben, denen sie geschickt wurden.

Dieses Prinzip adaptiert Periscope auf Videobroadcasts für ein breites Publikum. Ergänzt werden die Liveübertragungen durch einen auf Twitter basierenden Chat und zusätzlich durch das Auftauchen von Herzchen, die der Nutzer durch wildes Tippen auf den unteren Bildschirmrand zaubert. Zuvor schon hat der direkte Konkurrent Meerkat mit einer ähnlichen Live Video App einen beachtlichen Treffer gelandet.

Seine Freunde über Livevideos am eigenen Leben im Privaten teilhaben zu lassen, bietet ein mächtiges Potential, um das es hier aber nicht gehen soll. Stattdessen möchte ich mögliche Einsatzmöglichkeiten für den Journalismus in den Mittelpunkt stellen und skizzieren, welche Chancen sich daraus ergeben.

Videochats bieten mehr als das klassische Making of

Wer schon mal einer Liveübertragung auf Periscope beigewohnt hat, erkennt sofort wie nah der Zuschauer der filmenden Person ist. Aber nicht nur Bewegtbild ermöglicht hier den unverfälschten Eindruck des Geschehens vor Ort. Auch durch die Reaktionen der Zuschauer über den Chat haben die Teilnehmer die Möglichkeit auf die Situation direkt Einfluss zu nehmen. Zeitgleich lernen sie den Broadcaster kennen, denn dieser agiert als Bildregisseur und als Kommentator. Mehr als bei jeder Reportage ist man so direkt dabei und Teil des Geschehens.

Meerkat vs. Periscope Streamingansicht

Einfach und contentgetrieben: die Broadcasts stehen im Mittelpunkt. Während Meerkat links das Bild mit Zusatzinfos überlagert, konzentriert sich Periscope rechts vorbildlich auf das Wesentliche. Bei Meerkat sehen wir einem Koch mit bunten Kreisen im Gesicht bei der Arbeit zu, rechts plaudert Bild Chefredakteur Kai Diekmann bei Periscope über das Quaken von Fröschen.

Einige Beispiele zur Verdeutlichung

Den Reiz, einer Kochsendung mit einer Liveübertragung beizuwohnen und so dem Koch beim Zubereiten eines Gerichts zuzuschauen, braucht man nicht zu erklären. Der Vorteil, ihm dabei auch Fragen stellen zu können oder auf das Gericht selbst mit Tipps Einfluss zu nehmen, bereichert die Möglichkeiten noch zusätzlich. Weitere gute Beispiele wären Livereportagen von Messen und Kongressen. Unmittelbar gewinnt der Zuschauer einen Eindruck von gezeigten Innovationen und kann Herstellern Fragen zu deren Produkten stellen. Oder denken wir an Autoren von Reisejournalen, die vor Ort ihr Publikum an ihren Entdeckungen bei der Recherche teilhaben lassen, noch bevor ihr Artikel erscheint. Viel direkter als beispielsweise über Blogs können Interessierte Teil des Entstehungsprozess werden. Noch ein Beispiel: Musikjournalisten können vor einem Konzertreview in einem Magazin im Konzertsaal ihre Eindrücke teilen. Oder denken wir an Filmkritiker, die von Festivals berichten oder an Zocker, die sich von Gameconventions melden oder oder oder…

Periscope kann Einblicke in die Entstehung von Journalismus bieten oder Reaktionen auf Publikationen begleiten. Erzählungen, die bisher oftmals nur Behauptungen waren, werden sichtbar und gewinnen so an Glaubwürdigkeit. Bei allen genannten Szenarien soll es aber nicht darum gehen, den eigentlichen journalistischen Beitrag von Dokumentationen und Reportagen zu ersetzen. Viel mehr entstehen hier Möglichkeiten journalistisches Arbeiten aktiv zu erweitern.

Woran Periscope noch arbeiten muss

Momentan merkt man Periscope seinen unausgereiften Status noch an: technisch haken die Livestreams, der Feature Umfang ist noch relativ überschaubar, und die etwas nüchtern gestaltete Streaming-Übersicht bietet wenig Orientierungsmöglichkeiten.

Die Übertragungen kommen überraschend, weil unangekündigt, und deshalb oft zum falschen Zeitpunkt. Programmankündigungen, eventuell mit einer Kopplung an den persönlichen Kalender, würden dem Nutzer hier deutlich mehr Optionen bieten, die Übertragungen einzuplanen, auch wenn sich Periscopes innovativer Ansatz dadurch dem klassischen TV etwas nähern müsste.

meerkat_vs_periscope_list

Meerkat versucht über das Ankündigen von Livestreams Ordnung ins Programm zu bringen, Periscope setzt auf das Priorisieren von Highlights und Übertragungen von persönlichen Kontakten über Twitter.

Ebenso könnten Filter ein angemessenes Mittel sein, um die globale Streamingliste von albernen Teenager Übertragungen von Beauty Tipps und Party Highlights vom anderen Ende der Welt zu trennen. Katzenvideos hingegen sind selbstverständlich immer willkommen.

Eine weitere Bereicherung wäre das Einführen von Hashtags, die den Nutzer durch vordefinierte Themengebiete auf Übertragungen hinweisen, die den eigenen Interessen entsprechen und die Tour de Force durch fremde Broadcaster etwas nutzerzentrierter gestalten. Solche Optimierungen mögen dann zwar immer noch nicht das perfekte Programm aufzeigen, aber vielleicht kann dadurch verhindert werden, dass mir in der Streamingliste die irrelevanten Livestreams von Kai Diekmann angeboten werden.

Periscope steht derzeit nur als iPhone-App zur Verfügung. In meinem nächsten Blogeintrag möchte ich aufzeigen, wie Periscope den Natural User Interface Prinzipien (NUI) entspricht.

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2 Kommentare zu “Wie Periscope den Journalismus verändern kann

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