Bettina Streit
Veröffentlicht am in Usability, User Experience

BMW i3 – digital #Neuland?

Ich habe ein neues Auto! Und darauf habe ich mich so richtig gefreut. Zum einen, weil ein neuer Wagen natürlich immer aufregend ist. Zum anderen, weil ich mich aus Überzeugung für ein Fahrzeug mit Elektroantrieb entschieden habe. Das Prinzip Umwelt und Freude an Innovation ist in unserem Haushalt gesetzt. Mein Mann fährt Tesla.

In Bayern verwurzelt fiel meine Wahl schon aus rein lokalpatriotischen Gründen auf den BMW i3. Als UX-Expertin habe ich das Modell selbstverständlich auch aus Nutzersicht unter die Lupe genommen.

„Freude am Fahren? Stimmt!“

Der BWM i3 wurde für nachhaltige Mobilität entwickelt, was dem Fahrspaß keinen Abbruch tut. Das Fahren mit dem Elektroantrieb eDRIVE macht mir einfach Freude. Besonders, weil es so leise ist. Ein Riesenunterschied zu meinem vorherigen Wagen – einem röhrenden Porsche 911 4S.

Die effiziente Nutzung mit Rückgewinnung von Energie durch vorausschauendes Fahren gefällt mir ebenfalls.

 

Gut gelöst finde ich hierfür die Instrumentenanzeige (links)

Einen Extrapluspunkt vergebe ich für den sagenhaften Wendekreis des Wagens. Das Auto lässt sich mit nur zwei Zügen auf engstem Raum wenden. Toll, wenn es gilt, in der Stadt oder auf engem Raum zu manövrieren.

Auch mit der Reichweite bin ich zufrieden. Dass sie bei kaltem Wetter geringer ist, ist mir klar, und ich kann das mit einkalkulieren.

Soweit so gut, doch unter der UX-Lupe schwächelt der BMW i3 gewaltig.

 

„User Experience: stark ausbaufähig…“

Was der BMW i3 mit Angela Merkel zu tun hat? Digitale Technologien und moderne User Experience sind für den bayrischen Autohersteller anscheinend #Neuland. Aus dem Blickwinkel der UX macht der Wagen keinen Eindruck. Denn digital befindet sich der BMW i3 noch in der Steinzeit. Was in diesem „State-of-the-Art“-Neuwagen als „Digitaltechnik“ installiert ist, ist längst veraltet und macht überhaupt keinen Spaß. „Wegweisende Entwicklung“ (so der Hersteller) sieht anders aus. Meine Kritik:

 

Das Control-Display – unübersichtlich und veraltet

Die Menüführung mutet an wie vor 10 Jahren oder noch älter – Menüpunkte mit Untermenüpunkten, deren Bezeichnung nicht immer selbsterklärend ist. Ich muss jedes Mal aufs Neue überlegen, wo ich etwas finden könnte. Gute Usability sieht heute anders aus.

 

Das Display – verschenkte Möglichkeiten

Es hat ein 16:9 Format mit einem ziemlich breiten Rahmen, nicht gerade der neueste Stand der Technik. Allerdings wird dieses Format nicht ausgenutzt. Stattdessen habe ich auf einem Drittel des Bildschirms einen „Split-Screen“, auf dem ich mir die Uhrzeit und das Wetter anzeigen lassen kann. Skurril: Wenn ich nur die Uhrzeit interessant finde, bekomme ich eine analoge!! Uhr. Ich kann mir aber auch Spielereien wie Flickr Fotos oder persönliche Bilder dort anzeigen lassen. Ein echtes Must-have Feature?

 

Das Navigations- und Infotainmentsystem – umständlich, wenig intuitiv und kein bisschen intelligent

  • Das Navi ist ein echtes Trauerspiel. Es sieht noch genauso aus, wie in unserem Mini von vor 10 Jahren. Die Bedienung ist ähnlich umständlich. Allein die Spracheingabe funktioniert besser, aber bei weitem nicht so, wie wir das von Siri, Alexa und Google kennen und gewöhnt sind.

 

  • Doch natürlich gibt es eine App: BMW Connected! Sie ist mit meinem Auto verknüpft und zeigt mir an, wo es gerade steht. Auch meine Termine, die die App mit meinem Kalender synchronisiert, werden dort angezeigt. Aber: wenn ich zum nächsten Termin aufbrechen möchte und dafür mein Navi im Auto bemühen will, muss ich mir die Adresse über die App ans Auto schicken! Im Wagen muss ich erst den Menüpunkt ‚ConnectedDrive‘ auswählen und dann ‚Nachrichten‘, um die Adresse zu empfangen und als Ziel auszuwählen. Wenn das mal kein effizienter und intuitiver Ansatz ist…

 

  • Warum kann das Navi eigentlich nicht direkt auf meinen Kalender zugreifen? Meine Kontakte lassen sich ja auch über Bluetooth von meinem Smartphone abrufen. Ein weiteres Hindernis: in der App erscheinen nur die Termine vom aktuellen Tag. Sobald ich eine Adresse für einen Termin am nächsten Tag verwenden möchte (es soll ja Leute geben, die ihre Termine, zu fahrende Strecken etc. im Voraus planen…) muss ich sie leider händisch eingeben! Das braucht niemand.

 

  • Warum reagiert der Wagen nicht intelligenter auf mein Fahrverhalten? Zum Beispiel fahre ich in neun von zehn Fällen täglich ins Büro und zurück nach Hause. Und an jedem Tag stelle ich den Fahrmodus von „Comfort” auf „Eco Pro” um, da ich entweder auf der Landstraße oder in der Stadt unterwegs bin und dafür die Fahreigenschaften des ökonomischeren „Eco Pro” vollständig ausreichen. Es wäre erheblich komfortabler, wenn mein Auto das antizipieren und mir die Umstellung in den von mir bevorzugten Modus abnehmen würde.

 

  • ChargeNow – Pay more! Das Aufladen über ChargeNow Service von BMW wird auf Minutenbasis berechnet, warum nicht nach Kilowattstunden? In meinem Tarif (Flex) kostet die Minute tagsüber (und dann brauche ich den Ladevorgang, weil ich nachts zu Hause lade) 7ct pro Minute. Kürzlich durfte ich für 13,13 kWh 28,40 Euro berappen, weil ich leider nur die Haushaltssteckdose an der Säule in der Münchner Blumenstraße nutzen konnte, da alle anderen besetzt waren. Solange die Lademöglichkeiten für Elektrofahrzeuge noch eher dünn gesät sind, erscheint mir dieses Preiskonzept als weitere Hürde, die der Verbreitung dieser umweltfreundlichen Autos im Wege steht. Schade!

 

  • Und täglich grüßt das Murmeltier: Die Spracheingabe für Telefonate!
    Eigentlich finde ich es sehr komfortabel, dass ich einen Anruf per Spracheingabe auslösen kann. Ich muss dafür die Spracheingabetaste drücken und den Namen des gewünschten Gesprächspartners nennen, zum Beispiel „Alexander Streit anrufen”. Dann fragt mich das System „Meinen Sie Alexander Streit? “ Wenn ich das mit „Ja” beantworte, fragt es mich (da ich mehrere Nummern hinterlegt habe): „Wollen Sie mobil, geschäftlich oder privat anrufen?”. Klingt sinnvoll, ABER: wenn man, wie ich, fast täglich seinen Mann vom Auto aus anruft, stört diese Wiederholung ganz gewaltig. Es ändert sich übrigens auch nichts am Ablauf, wenn ich sage „Alexander Streit mobil anrufen” oder die anderen Optionen wähle – man muss stets den gleichen Sermon herunterbeten.Warum kann das verflixte System das nicht lernen? Das nervt. Mittlerweile gehe ich wieder über den Google-Sprachassistenten. Da reicht meine Ansage „Alexander Streit mobil anrufen”, und schon wird gewählt.

 

Fazit

Ich bin wirklich enttäuscht. Nicht vom Auto und dem Fahrgefühl, aber von der User Experience der digitalen Bord-Displays. Da entscheide ich mich für ein innovatives und nachhaltiges Antriebssystem und erhalte gleichzeitig Technologie aus der Steinzeit. Ein echtes k.o.-Kriterium für meine nächste Kaufentscheidung.

Was habt ihr euch dabei gedacht, BMW? Warum wurde die Gelegenheit nicht genutzt und gemeinsam mit dem neuen Antrieb auch die User Experience der Info- und Bordsysteme nachhaltig neu gedacht? (Ihr hättet ja nur ein bisschen bei Tesla abschauen müssen…) Die vollständige Integration meiner Daten wie Kontakte, Kalender und Apps wie Spotify und Co. ist heute doch kein Rocket-Science mehr und mehr Intelligenz wären schön gewesen.

 

Fotos von bmw.com

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